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Kalin Iliew
Das Kreuz des Wächters

Monolog - Stück für einen Schauspieler

Übersetzung und Bearbeitung aus dem Bulgarischen:
Marianne Janietz und Stella Petkow

Bestellnummer kom 0112

Das Kreuz des Wächters
Originaltitel: Pikljoto (Der Bettnässer) kam am 24.2.1999 im Theater der Armee, Sofia zur Uraufführung –
und erhielt beim Nationalfestival für bulgarische Dramatik 1999 in Schumen, Bulgarien, den ersten Preis.
Es wird demnächst in Prag und Makedonien aufgeführt.
Der Wächter wartet auf „ihn“. Irgendwann wird „er“ kommen – in allerlei möglicher Gestalt. Im Auftrag der
Mächtigen der Welt, um deren Selbstbewusstsein – das Elixier ihrer Macht – zurückzuholen, das der
Wächter ihnen stahl. Während der Wächter versucht, sich von seiner Sexspartnerin nicht ablenken zu lassen,
sich auf alle erdenklichen gegnerischen Strategien einstellt und über den Zustand der Welt philosophiert,
kommt „er“... Den Raben besiegt der Wächter – als jedoch der Teufel selbst erscheint, hilft nur noch Gott.
Und die Wahrheit eines einsamen, kleinen, liebebedürftigen Menschen.

Aus dem Artikel NEW BULGARIAN DRAMA (Jahres-Almanach der „Oxford University“, England), 2001 -
THEATRE RESEARCH INTERNATIONAL:
Die tragische Farce des menschlichen Experiments, seine Illusionen, Absurditäten und Alternativen, sind
die verbindenden Ideen und Metaphern in der Theaterwelt von Kalin Iliew (...) Die eigenartige
Zusammensetzung einer unüblichen Metaphorik (...) mit einem ungewöhnlichen, aber nicht absurden,
nur in einer anderen optischen Dimension plaziertem Sujet lässt die Stücke des Autors zu den interessantesten
und unkonventionellsten Werken der gegenwärtigen Theaterlandschaft zählen.
Dr. Svetlana Pantcheva

Leseprobe:

STIMME VON OBEN
Was will er?

WÄCHTER
Typischer Fall. Will sich beschweren, will sein Schicksal umtauschen. Er ist Postbote. Er trägt Briefe und
Telegramme aus, an Verstorbene oder an Leute, die noch gar nicht geboren sind... Natürlich kann er seine
Arbeit nicht schaffen, und man will ihm kündigen. Außerdem ist er ein Verwandter von Sysiphos, von dem,
der den Felsblock hinaufwälzt... und von Berdjaew, dem anderen – dem Philosophen, der die Priorität der Seele
vor dem Leib predigt. Der Postbote heult sich ständig bei mir aus. Ich kann nicht, sagt er, es ist aussichtslos,
es ist ein unüberwindlicher Widerspruch – wäre ich ein einfacher Postbote, hätte ich es irgendwie geschafft,
aber jetzt herrscht ein totales Durcheinander – zwischen Blutsverwandtschaft, genetischer Linie und Verstand.
Mein Körper ist bereit, sagt er, nicht existierende Botschaften zu verteilen, aber meine Seele will frei sein.
Ich gehe, sagt er, mich beim Obersten beschweren, und strickt, und strickt...
STIMME VON OBEN
Auch wenn er am Tag hundert Stufen strickt, würde er etwa Neuntausend Jahre brauchen.
WÄCHTER
Schade, dass der Postbote nicht hier ist! Er hätte dich gebeten, ihm einen Wunsch zu erfüllen.
STIMME VON OBEN
Versuch du es... Heute hast du gesiegt und bist schon unbesiegbar. Es war mir besonders angenehm,
dass du im entscheidenden Moment Vernunft gezeigt hast und dich nicht getraut hast, dich für Gott auszugeben...
Ich bin bereit, dir einen Wunsch zu erfüllen.
WÄCHTER
Im Ernst?
STIMME VON OBEN
Denk nach und sag’s schneller!
WÄCHTER
Ich danke dir, Herr!
Denkt nach.
Pause.
Naja... das ist so unerwartet für mich...
Denkt nach.
Pause.
Ich weiß es einfach nicht...
STIMME VON OBEN
Sag es, ich habe keine Zeit!