Übersetzung und Bearbeitung aus dem
Bulgarischen:
Marianne Janietz und Stella Petkow
Bestellnummer: kom 0113
Paranoia
entstand 1991 nach der Wende 1989 in Bulgarien.
Uraufführung 1991 im Royal Court Theatre, London
1993 erste Aufführung in Bulgarien, Dramatisches Theater Pleven, in der Regie
von Stefan Tzanev
Ein geheimnisvoller junger Mann taucht im alten Jagdschloss des Zaren auf, in
dem sich „Der Alte“,
ein Schriftsteller, mit seiner jungen Geliebten aufhält. In einer
spannungsvollen Auseinandersetzung erkennt
„Der Alte“ sich selbst in dem „Jungen“. Gespenstisch wird die Vergangenheit, in
der der Schriftsteller Karriere
machte, heraufbeschworen....
Leseprobe:
DER ALTE: Es ist ungeheuerlich. Weil wir die Opfer sein
werden. Als wir die Henker waren – war es nicht
ungeheuerlich.
Es war – was? Ver... gel...
DER JUNGE: Vergeltung.
DER ALTE: Ganz genau. Vergeltung. Für einen – fünf. Das macht... wie oft muss
ich getötet werden,
weil du getötet hast – wieviel?
DER JUNGE: Ich tötete im Namen von Idealen. Du hast das Grausamere getan!
DER ALTE: Das Grausamere? Was ist grausamer?
DER JUNGE: Du hast sie getötet!
DER ALTE nach einer Pause: Wen soll ich getötet haben? Der Junge schweigt. Wen
soll ich getötet haben,
sagst du?
Geht langsam zum Jungen, stellt sein Ohr vors Gesicht des Jungen. Ich habe nicht
gehört... wen soll ich
getötet haben?
DER JUNGE schroff: Die Ideale!
DER ALTE: Die Ideale? Bricht in Lachen aus: Mann, o Mann, hast du mich
erledigt!... Welche Ideale?
DER JUNGE: Unsere.
DER ALTE: Welche – unsere? Hört auf zu lachen. Sag doch, geniere dich nicht.
DER JUNGE zunehmend nervöser, die Selbstbeherrschung verlierend: Unsere...
DER ALTE: Unsere? Welche – unsere? Ideale – gibt es viiiele... Welche genauer?
Sag doch, geniere dich nicht.
Los: Unsere Ideale, für die wir...
DER JUNGE: Für die wir Blut vergossen haben!
DER ALTE: Ziemlich viel Blut. Besonders – fremdes. Aber das Blut ist eine
Kleinigkeit. Die Ideale sind wichtig.
Umarmt ihn. Lass uns jetzt schauen, was das für Ideale waren und was aus denen
geworden ist. Es folgt eine
kurze Erinnerung... Sie setzten sich auf einen umgedrehten Stuhl – wie auf einen
Baumstamm. Erinnerst du dich –
wir lagerten auf einem kahlen Hügel, waren hungrig, durstig und verlaust, wir
lagen im ausgedörrten Gras auf unseren Gewehren – damit sie nicht glänzen, und
sahen vom Hügel herunter auf das Flachland – dort bewegten sich die
Leute, klein wie Ameisen, sie mähten und sangen ihre alten Sklavenlieder... wir
sahen zu und träumten lautlos und flüsternd: Wenn wir siegen, wie wir das Leben
dieser Leute schön machen werden, wie wir neue Lieder schreiben
werden – frei und froh – damit die Leute sie singen... Und wie wir leben werden
– träumten wir... Das Volk und wir... Brüderlichkeit und Gleichheit, nicht?