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Schauspiel

Amarilla Ferency: Der Dichter und die Malerin

Der Dichter, die Malerin und die alte Frau - alle gleichermaßen in der Einsamkeit ihrer eigenen Welt isoliert - greifen durch eine zufällige Begegnung in das Schicksal der anderen ein, den Lauf der Dinge ändern können bzw. wollen sie aber nicht, auch dann nicht, wenn es letztlich um Leben und Tod geht. Die Kommunikation verläuft zwar auf verschiedenen Ebenen, führt aber unaufhaltsam zum gleichen Ausgang, weil Egoismus, falsche Wertvorstellungen und die Unfähigkeit aufeinander einzugehen, eine wirkliche menschliche Begegnung unmöglich machen.

Bestellnummer: kom 0411

Leseprobe:
Malerin:
Sie hätten nicht den Mut, im Pyjama auf die Straße zu gehen!

Dichter:
Aber ich hätte den Mut, mich umzubringen. Wollen Sie das sagen?

Malerin:
(gereizt) Nein, wieso? Woher sollte ich das wissen? Ich kenne Sie nicht.

Dichter:
(dramatisch) Ich hätte den Mut dazu.

Malerin:
Sagen Sie mir bitte nicht, dass ich Sie daran gehindert habe.
Ich hatte einen Bekannten, der stand auf dem Dach und hat sich durch Dutzende von
Zuschauern nicht stören lassen. Soviel zum Thema.

Dichter:
Machen Sie mir Vorwürfe, weil ich mich noch nicht umgebracht habe?

Malerin:
(schaut auf die Uhr) Tut mir leid, ich kann Sie nicht ernst nehmen.
Sie nehmen sich ja selber nicht ernst. Und jetzt, könnten Sie bitte gehen?

Dichter:
(interessiert) Warum?

Malerin:
(eifrig, mit voller Begeisterung) Ich will ein Kunstwerk schaffen. Ich werde diesen Berg malen, ich werde ihn malen, und zwar unter den Lichtverhältnissen, die im Moment herrschen, und dazu muss ich gerade dort stehen, wo Sie jetzt sitzen, sonst war alles umsonst, wenn die Sonne wieder anders scheint. Sie könnten dafür Verständnis aufbringen, bitte.
Es geht um Kunst. Und ich habe mich so lange vorbereitet, alles genau vermessen, und heute soll der große Tag sein. Sie können ja auch woanders nachdenken, ich dagegen
muss genau hier malen.
...Und jetzt, bitte, ich möchte anfangen.

Dichter:
(gelassen) Tüchtig, tüchtig. Ich sehe ein, dass das bedeutender ist als der Akt,
mit dem man seinem Leben ein Ende setzt. (gähnt)

(Eine alte Frau auf Krücken erscheint auf der Bühne und geht auf sie zu.)

Alte Frau:
Ich suche nette kleine Kinder, die ich verspeisen kann. Haben Sie welche gesehen?