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Schauspiel

Sophokles
König Oidipus

Übersetzung und Bearbeitung: Friedrich Fink / Klaus Schlette

Darsteller: 7 m, 1 w, Chor

Die Übersetzung merzt ziemlich keck das letzte Philologen-Deutsch aus dem Text, macht ihn sprechbar und
leicht verständlich, ohne ihn zu verarmen. (Münchner Merkur)

Bestellnummer: 9514

Leseprobe:

OIDIPUS  Ihr Kinder Thebens
was trieb euch vor die Tore des Palastes,
den Zweig der Flehenden in eurer Hand?
Der Rauch von Opferfeuern füllt die Stadt
und Litanei und Klageruf sind laut.
Bevor mich noch ein fremder Mund belehrt,
tret ich, ihr Lieben, selber vor euch hin,
der allgerühmte König Oidipus.
Da dich dein weißes Haar zum Sprecher macht,
so rede du, was euer Herz bewegt,
Furcht oder Bitte? Jeden Beistand
sag ich euch zu.

PRIESTER  Du Herrscher meines Landes, Oidipus,
du siehst uns hier vor dir, siehst alt und jung,
die Jugend und das Alter, so wie mich, den Priester,
Knecht des Zeus, als Abgesandte vor dir stehn.
Und so wie wir, die Zweige in der Hand,
drängt alles Volk am Marktplatz zu den Tempeln und Sehern.
Du weißt es selbst, die Stadt schwankt wie ein Schiff
im Sturm und wird im Strudel noch zugrundegehn.
Sie stirbt dahin mit ihrer jungen Saat.
Sie stirbt dahin: das Vieh geht ein, es stirbt
im Mutterschoß das ungeborne Kind. Es sengt und brennt
der Gott der Pest.
              / CHOR  - Die Pest - Die Pest - /
Leer wird Theben, das Land, doch der schwarze
Hades wird reich an Klagen und Gestöhn.
Wir, die wir hier an deinen Toren knien,
machen dich nicht zum Gott, doch bist du uns
der Menschen Erster, gewachsen jedem Schicksal, jeder Fügung.
Du kamst nach Theben, hast uns von der Sphinx
befreit, der wir so grässlich opfern mussten.
Wir wussten weder Rat noch Hilfe mehr,
da trat - so heißt es, und wir glauben es -
ein Gott zu dir und Theben wurde frei.
Jetzt, Oidipus, Größter uns allen, flehen wir
alle dich an: Hilf uns und zeig uns den Weg -
ob dir ein Gott, ob dir ein Mensch ihn weist - den Weg zur Rettung.
Denn hat ein Mann große Erfahrung wie du,
kann sein Rat die Nacht wenden zum Tag.
Auf, bester der Menschen, rette unsere Stadt.
              / CHOR  Rette unsere Stadt! /
Auf, sei klug! Noch feiert dich
das Land als Retter aus der alten Not,
doch wird die Herrschaft bald vergessen sein,
die erst zum Gipfel führt, dann in den Abgrund.
Drum richte auf die Stadt mit Festigkeit,
wie Du geholfen hast, hilf heute wieder.
              / CHOR - Hilf uns - hilf uns - hilf! /
Die Götter werden dir zur Seite stehn.
Willst du in Wahrheit Thebens Herrscher sein,
was nützt dir eine menschenleere Stadt?
Sie gleicht der Burg ohne Krieger,
sie gleicht dem unbemannten Schiff.

OIDIPUS  Ihr armen Kinder, Eure Not ist mir
nur zu bekannt, ich kenne eure Bitte.
Ich weiß, ihr leidet alle; aber kann
ein Leiden übersteigen meine Qual?
Denn euer Schmerz trifft jeden nur allein,
ihn selbst und keinen andern; doch mein Herz
beklagt die Stadt und mich und dich zugleich.
Ihr habt mich nicht aus einem Schlaf geweckt;
ich bin viel Sorgenpfade langgeirrt
und fand nach langem Sinnen einen Weg:
Kreon, meinen Schwager, des Menoikeus Sohn,
ihn schickte ich nach Delphi zu Apollons Tempel,
daß er frag, durch welches Wort,
durch welche Tat ich diese Stadt erretten kann.
Und denk ich an die Zeit, die er schon fort,
mach ich mir Sorge um sein Wohlergehn:
Er ist schon länger weg als nötig wär.
Doch kehrt er heim: Ich wär ein schlechter König,
tät ich nicht alles nach des Gottes Rat.