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Klaus Henninger
Theater
oder Drei machen schon das sechste Jahr ein Kunststück in New York

Komödie

Archie, Mic und Alfred sind drei Männer in New York, die seit sechs Jahren allabendlich eine schauspielerische Leistung auf der Bühne des Royal Theaters zu erbringen haben. Das Stück zeigt sie in der Garderobe. In ihr ungewöhnlich langes, nervenaufreibendes Zusammensein in großer Enge dringt immer wieder das Leben von außen und es entwickelt sich eine Geschichte voll Komik und Spannung.

Best.Nr. kom9902

Leseprobe:
ALFRED: In mir geht durchaus etwas vor, wenn ich neben dem Objekt sitze. Ich spüre es.

ARCHIE: Was spürst du?

ALFRED: Das lässt sich nicht einfach sagen.

ARCHIE: Vielleicht kompliziert?

ALFRED: Du lässt nicht locker. Gut. Wie schon gesagt, hat das Spiel auf der Bühne nicht mehr ganz meine Aufmerksamkeit. In letzter Zeit immer weniger. Zu meiner Schande gestehe ich das. Dann starre ich diese hellgelbe Masse an, lasse sie auf mich wirken und komme ihr näher, immer näher, bis ich mich auf einmal in ihr fühle.

ARCHIE: Du bist geistig in den Käse gekrochen?

ALFRED: Diese Masse umfließt mich zur Gänze. Sie ist aber nicht nur um mich, sie umgibt auch die Bühne, das Außen, das Leben… Alles wird hellgelb, fettig und erstrahlt im Licht. Diese Masse erscheint als die Natur überhaupt, lebensspendend, fett, pampig und hellgelb. Sie ernährt, spendet Licht und damit Leben. Es ist wie die Geburt der Welt in einer gelben Wiege aus Fett.

ARCHIE: Der Käse als lebensschaffendes Prinzip?

ALFRED: Ja.

ARCHIE: (nach einer Pause) Du Arschloch! Du anpasserisches Arschloch! Dich sollte man mit Käse zuscheißen!

ALFRED: Ich gehe. Ich lasse mich nicht beleidigen.

Alfred läuft die Treppe links hinauf und ist schon in der Tür nach außen. Als Archie den Ernst der Situation erkennt, stürmt er hinterher und kriegt Alfred im letzten Moment zu fassen.

ARCHIE: Du bleibst! Du hast Vorstellung!

Alfred versucht sich aus Archies Griff zu lösen, tritt daneben und rutscht die Treppe hinunter. Ein Schrei.

ALFRED: Mein Fuß! Mein Fuß! Ich glaube, er ist gebrochen.

ARCHIE: Ich Idiot! Laß den Fuß ruhig liegen, Alfred. Ich rufe den Arzt.

ALFRED: Es tut mir leid. Ich glaube, heute brauche ich meinen Ersatzmann.

Inspizient über Lautsprecher: Die Herren bitte auf die Bühne! Archie, Alfred, Mic! Wo bleibt ihr?

ALFRED: Wir können nicht! Au!

ARCHIE: (am Telefon) Nimmt denn niemand ab? Ich gehe nachsehen, Alfred. Bin sofort zurück.

(Ab)

Alfred, allein.

ALFRED: Hätte ich auf meinen Vater gehört, säße ich jetzt am Schreibtisch in meiner Bibliothek und bereitete eine Vorlesung vor. So liege ich hier gehbehindert, in einer muffigen Schauspielergarderobe. Ich will nicht klagen, trotz der Schmerzen. Ich habe es so gewollt und nicht auf den Vater gehört. Wie hätte ich auf den hören können? Die Mutter hat mir später erzählt, er hat geschlafen, während meines Debüts. Der Sohn steht zum ersten Mal auf der Bühne, er wäre vor Lampenfieber beinah gestorben und der Vater schläft! Die Mutter hat mich früh ins Theater mitgenommen. In Cleveland gastierten damals die berühmtesten Bühnen der Welt. Ich habe als etwa Sechsjähriger die Duse noch gesehen. Als Phädra. Sie hat einen umwerfenden Eindruck bei mir Dreikäsehoch hinterlassen. Sie war aus einer anderen Welt, zumindest aus der Welt des Theaters, in die
wünschte ich mich hinein, seit diesem Augenblick. Ihre langen gleißenden Kleider, die so ganz anders waren als die der Frauen in unserem Quartier, sehe ich noch vor mir, ihre großen Gesten habe ich noch vor Augen, ihren hohen Ton höre ich noch.
Das wurde alles zu Hause nachgespielt, mit wallendem Bettlaken, an dem unser Hund knurrend herumzerrte, der dachte wohl, ich mache das Schauspiel für ihn. Die Duse wurde zur Priesterin, die an einem Altar stand, und alle Menschen um sie herum schrumpften zu Figuren aus meiner Puppenstube.