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Klaus Henninger
Wenn der Außenminister kommt

Komödie

Das Stück ist der unangestrengte Versuch, sich mit der Wirklichkeit anzufreunden.
Zwischen Gelingen und Misslingen scheint ein möglicher Weg zu liegen.
Die Konfrontation mit der Wirklichkeit sollte aber nicht nur im endlosen Gelächter über sie enden,
sondern auch Möglichkeiten aufzeigen - Möglichkeiten zu einem glücklicheren Leben.

Best.Nr. kom9911

Leseprobe:
Schriftsteller: Seht mal, ein Känguru! nähert sich dem Tier.
Hast du eine Narbe? Du bist nicht bereit, kurz aufzustehen?
Keine Reaktion. Der Schriftsteller nimmt Platz zwischen Vater und Mutter.
Ihr macht das richtig. Auch ich bin kein Freund von leeren Ritualen. Dieses Begrüßen, nur weil es sich gehört! Ich habe Leute gesehen, die sich dabei auf die schamloseste Weise betatschten, man glaubt es nicht. Ihr macht das richtig. Da werden einem Hände entgegengestreckt! Oft könnte man sie, wären sie nicht eins mit dem Arm, glatt für wassergefüllte Gummihandschuhe halten, so schlaff und feucht sind sie. Und so ist der Respekt und auch die Liebe. Ihr macht das richtig, manchmal ist es gut, sich auszu­schweigen.
Unlängst ergriff ein dicker Mensch auf einer Party meine Rechte und ließ sie nicht mehr los. Können Sie meine Hand wieder freigeben, habe ich gefragt. Von ihm kam: Mensch, ich habe dich so lange nicht gesehen. Ich kenne Sie gar nicht, sagte ich. Darauf er: So warst du immer. Nie wolltest du der Wahrheit ins Gesicht sehen. Ich bin die Wahrheit, Jo! Er gab mich frei und ging. Ich rief ihm nach: Ich heiße nicht Jo! Jünger bist du auch nicht geworden, warf er mir noch hin. Das ist die Wahrheit, sagte ich.
Ihr macht das richtig. Verhalten wir uns wie wahrhaft Liebende und schaun uns schweigend an.
Schweigen
Ich habe den unbestimmten Eindruck, in der Praxis
herrscht kein Leben. Hat Frau Doktor heute Sprechstunde?

Vater: Nur nach Vereinbarung.

Schriftsteller: Es fällt schwer, mit ihr etwas zu vereinbaren, mir fällt es jedenfalls schwer. Wenn sie nur einmal nicht auflegen würde nach meinem Anruf. Das macht sie seit zwei Wochen, seit unserem Besuch bei Ih­nen. Ich habe mich ungebührlich benommen, nicht wahr?

Vater: Mit Hochstaplern rede ich nicht.

Schriftsteller: Warum bin ich Hochstapler?

Vater: Sie sind kein Kapitän.

Mutter: Das wollte er aber mal werden.

Schriftsteller: Ich wundere mich, dass ich heute eingeladen bin, zumal man wissen könnte, dass mir der Außenminister ziemlich gleichgültig ist. Aber vielleicht bekomme ich Nadeschda ja kurz zu Gesicht.

Mutter: vorwurfsvoll. Mein Sohn findet seit Tagen keinen Schlaf.

Schriftsteller: Mutter!

Vater: Nadeschdas alter Freund ist zurückgekehrt. Er ist aus unserer Heimat und ein guter Genosse. Sie leben wieder zusammen.

Schweigen. Dann übt der Vater wieder. Ihm gelingt eine prächtige Lachkaskade. Schließlich geht der Schriftsteller zur Tür.

Mutter: Wohin gehst du?

Schriftsteller: Nach Hause.

Mutter: Du hast es mir versprochen.

Schriftsteller: Was?

Mutter: Mich nicht allein zu lassen.